Statements

Ausbildung und Pädagogik

Kinder müssen erkennen, dass ihre Handlungen etwas bewirken. Eine gute Erziehung lässt diese Selbstwirksamkeit zu, denn durch Freiheit zur Neugier wird die Realität eher begriffen als durch Vorwegnahme von Erfahrungen. Intuitive Kommunikation mit Erwachsenen wirkt sensibilisierend. Viele Kinder werden von Eltern mit übertriebener Angst erzogen und somit vom sozialen Leben ferngehalten was am bequemsten mit simulierter Realität in Computerspielen funktioniert. Aber echtes Risiko ist eine zentrale Lebenserfahrung. Baumhäuser in der Wirklichkeit kennen nur noch weniger als 20% aller Kinder. Wer sich heutzutage in der Bequemlichkeit arrangiert, wird keine geistige Entwicklung zur Selbständigkeit erfahren. Heranwachsende haben defizite beim Einfühlungsvermögen und neigen eher zur Gewalt gegenüber ihren Mitmenschen wenn sie von ihren Eltern sehr „verwöhnt“ wurden. Durch meine ehrenamtliche Jugendarbeit betreibe ich gerne Sozialforschung im deutschen Bildungsbürgertum und es ist sehr interessant, überforderte Soziologen zu beobachten, wie sie versuchen, Probleme zu definieren und wegen unzureichender praktischer Erfahrung scheitern.

Kinder von Eltern, die ihren Nachwuchs unkontrolliert vor dem Fernseher oder dem Computer sitzen lassen, können von den Lehrern nicht erwarten, dass sie die Kinder sozial Integrieren. Man muss das Denkvermögen anregen statt sie bequem mit medialen Effektlawinen plattwalzen! Wenn Eltern Sozialkompetenz vorleben, wird ihr Nachwuchs die Umwelt besser reflektieren und sich damit gewaltfrei zur Verbesserung der geistigen Lebensqualität einbringen können. Kinder werden später unglücklich, wenn man sie immer nur glücklich machen will und ihnen in jungen Jahren keine Pflichten überträgt.

In den letzten Jahrzehnten hat die Anzahl der verhaltensauffälligen Kinder enorm zugenommen. Der Mehrzahl der Schüler in der Grundschule fehlt die zum Lernen notwendige Arbeitshaltung, Lernbereitschaft und Disziplin. Den für eine erfolgreiche Beschulung notwendigen Voraussetzungen wie z.B. während des Unterrichtes auf dem Stuhl sitzen zu bleiben, auf Anordnung des Lehrers Arbeitsschritte auszuführen und Regeln des Schulalltages zu akzeptieren, genügen nur noch wenige Kinder. Vielen Eltern und Lehrern scheint heute eine Intuition für die Balance zwischen Fördern und Fordern zu fehlen.

Da ein immer größer werdender Prozentsatz von Jugendlichen in frühkindlichen psychischen Phasen verbleibt und nicht über altersangemessene Funktionen verfügt, liegt die Vermutung nahe, dass diese Kinder im Erwachsenen das für eine gesunde Entwicklung notwendige Gegenüber nicht mehr finden. Das Kind erfährt heute im Kindergarten einen großen Entscheidungsfreiraum und erlebt nicht mehr eine ausreichende Beharrlichkeit in vorgegebenen zeitlichen und inhaltlichen Abläufen. Weil in diesem Denkansatz "Üben" nicht mehr als notwendig angesehen wird, wurden entsprechende Sequenzen abgeschafft oder gekürzt, wie z.B. das Vorschulprogramm. Immer mehr Lehrer raten den Eltern vom Üben ab, verkleinern Lehrsequenzen im Unterricht und Hausaufgaben. Leistungsanforderungen an die Kinder werden reduziert. Strafen wie z.B. Nachsitzen, Erteilen von Zusatzaufgaben oder Pausenverbot wurden abgeschafft. Zusammenfassend verstoßen diese neuen methodischen Denkweisen eklatant gegen neurologische und entwicklungspsychologische Erkenntnisse. In der Folge können sich beim Kind sehr wichtige psychische Funktionen nicht mehr ausreichend bilden.

Eltern entwickelten in den letzten 20 Jahren zunehmend emotionale Defizite in einer im Schwerpunkt materiell ausgerichteten Gesellschaft. Wünsche der Erwachsenen nach Anerkennung, Orientierung und Sicherheit werden durch die moderne, selbst so gewählte Gesellschaft nicht mehr getragen. Die Rettung bietet das Kind, als Ersatz für die Nichterfüllung der Bedürfnisse der Erwachsenen. Weil das Kind jetzt als Partner gesehen wird, besteht die Gefahr, diese Wünsche ins Kind zu legen. Es kommt zur Machtumkehr. Der Erwachsene wird bedürftig. Er sucht die Anerkennung des Kindes und möchte von ihm geliebt werden. Dieses Phänomen ist auch bei Großeltern, Lehrern und Erziehern zu sehen. Die damit verbundene Überforderung des Kindes, für die emotionale Zufriedenheit des Erwachsenen zuständig zu sein, wird seitens des Erwachsenen nicht gesehen und es kommt damit zu einem Missbrauch des Kindes, meist durch überbetreuende Mütter oder anbiederndes Verhalten des Vaters, z.B. auch durch Verabreichnung von Alkohol o.ä. Das Kind erlebt frühkindliche Phantasien - z.B. alles steuern und bestimmen zu können - und verbleibt damit fatalerweise in frühkindlichen Denkweisen.

In dieser immer häufiger festzustellenden Beziehungsform nehmen die Eltern auffällige Verhaltensweisen des Kindes nicht mehr wahr oder beschönigen diese, das Kind erlebt keine Korrektur. In der Folge verbleibt das Kind in der schlichten Phantasie, es könne alles steuern und bestimmen. Das Gegenüber wird nicht realisiert und in der Folge ist die Ausbildung einer reifen Psyche nicht mehr möglich. Der Nachwuchs entwickelt sich zum Alptraum. Diese Erkenntnis läuft in unterschiedlichen Phasen ab: Zunächst ist der Schuldige in der Regel die "inkompetente Erzieherin" oder der "überforderte Lehrer". Funktioniert dieser Abwehrmechanismus nicht mehr, zeigen sich die Eltern in der Regel hilflos bis erschreckt über die Verhaltensweisen ihres Nachwuchses: Dem egoistischen Machtrausch des Kindes ist dann kaum mehr ein Ende zu setzen. Veränderte Denkweisen sind nun möglich: Macht ist die Möglichkeit, nicht lernen zu müssen, also dumm zu bleiben.